Nur das Dor­fle­ben hält das Wirts­haus am Leben

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Andreas Pertler (li.) bei einer Partie Schafkopf mit seinen Stammgästen. (Foto: Manuela Lang)

Von Manuela Lang

Andreas Pertler war immer gerne Wirt, doch er kritisiert: „Heute liegt unser Ansehen unter dem eines Sozialhilfeempfängers. Kein Wunder, dass das keiner mehr machen will."

Drei Wirtshäuser bei 570 Einwohnern – das ist im Jahr 2016 selbst im „Bierland" Bayern außergewöhnlich. Während in vielen anderen, weit größeren Dörfern das Wirtshaus schon lange zugesperrt hat, gibt es in Schönbrunn am Lusen, mitten im Landkreis Freyung-Grafenau, im Bayerischen Wald, noch drei Möglichkeiten, wo man einkehren, gemütlich ratschen, diskutiern oder karteln kann. „Doch die Zeiten werden immer härter", sagt Andreas Pertler, einer der Wirte. Er erzählt, warum sein Traumjob mittlerweile keinen Spaß mehr macht. „Wir Deutsche richten unsere eigene Kultur zugrunde."

Seit 15 Jahren betreibt Andreas Pertler mit seiner Frau Anita das „Dorfkriagl", doch hätte er nicht einen Teilzeitjob, über den er kranken- und rentenversichert ist, hätte er schon lange zugesperrt. Dadurch kann das Ehepaar das Wirtshaus immerhin so betreiben, dass noch „a bissl was hängenbleibt" – den Stundenlohn mag er sich aber gar nicht ausrechnen, sagt der 50-Jährige.

Der einzige Grund, warum es in dem kleinen Dorf am Rande des Nationalparks noch drei Wirte gibt, ist für Pertler klar: „Bei uns funktioniert das Dorf noch, die Vereine sind aktiv. Nur das Dorfleben hält das Wirtshaus am Leben." Aber auch hier gibt es wie andernorts Vereinsheime, in denen steuerfrei Bier fast zum Einkaufspreis ausgeschenkt wird.

Der Politik sei das Problem zwar bekannt, beim Beispiel der Feuerwehr werde es aber sogar noch subventioniert, wenn immer größere Gemeinschaftsräume entstehen. Statt die Wirte, die Steuern zahlen, zu stärken, werden stets neue Vorschriften erlassen, die ihnen das Leben schwer machen, so etwa das Mindestlohngesetz oder das Rauchverbot. „Dann stehen die Leut' draußen und schon kommen die Beschwerden wegen Lärmbelästigung", sagt Pertler, der froh ist, selbst sehr verständnisvolle Nachbarn zu haben.

„Wenn der Wirt auf­gibt ist das Ge­schrei groß.“

Mit einer Stange Wurst vergleicht Andreas Pertler sein Geschäft. „Wenn ein treuer Gast wegfällt oder nicht mehr ausgeht, dann fehlt eine Scheibe, hinten aber wächst nichts mehr nach." In dem Moment, wenn der Wirt aufgibt, sei dann das Geschrei groß. Dabei liege es an allen, dass der Wirt ein Auskommen hat.

Früher war der Wirt gesellschaftlich hoch angesehen. „Er kam gleich nach Pfarrer, Bürgermeister und Lehrer. Heute liegt unser gesellschaftliches Ansehen unter dem eines Sozialhilfeempfängers." Auch dem letzten Gast um 3 Uhr morgens müsse man noch „schön tun", damit er wiederkommt. „Kein Wunder, dass das keiner mehr machen will", sagt er und denkt an seine eigenen Kinder. Lange hat Pertler gehofft, dass eines das Wirthaus übernimmt. „Aber ganz ehrlich, ich rate ihnen mittlerweile selbst ab davon. Die Zeiten werden immer härter, auch wenn der Beruf sehr schöne Seiten hat."

Im „Dorfkriagl" sitzt gerade eine Stammtischrunde beim Schafkopfen zusammen. Nebenan wird über Politik diskutiert, ein anderer erzählt Witze wie am Fließband. „Oft haben wir eine richtige Gaudi und es entstehen gute Ideen in solchen Runden", schwärmt Pertler, der vor kurzem sogar einen Radclub in Schönbrunn mitgegründet hat. Heuer radelt man von Schönbrunn am Lusen nach Schloss Schönbrunn bei Wien. Einer der seltenen Urlaube des Wirts. „Ich beneide wirklich niemanden um seinen Kontostand oder seinen Porsche, aber die Freizeit, darauf bin ich neidisch."

Denn um sein Geschäft am Laufen zu halten, hat Pertler nebenher auch noch einen Catering-Service angefangen. Kochen ist seine große Leidenschaft. Das schmeckt man offensichtlich, denn immerhin gehen einige Dorfbewohner regelmäßig bei Pertler essen, gerade an Feiertagen, oder buchen den Partyservice für private Feste daheim. „Es geht halt nur miteinander", schließt Andreas Pertler.

Nun muss er in der Schafkopfrunde als vierter Mann einspringen. Immerhin – ein paar Trümpfe hat der Wirt noch in der Hand ...