„Prost“ und seine Hin­ter­grün­de: Warum man­che den Maß­krug ab­set­zen

prostgrafik_1.jpg

Von Manuela Lang

Ein Proooosit, ein Proooosit, der Gemüüütliiichkeit! Das hört man auf Volksfesten regelmäßig. Alle heben die Maßkrüge, schaukeln kurz im Takt mit und dann – tja, was dann? Die einen stellen den Krug noch mal ab, bevor sie trinken, andere lassen das Bier direkt den durstigen Schlund hinunterlaufen.

Die Frage, warum man eigentlich nach dem „Prost" nochmal den Krug absetzt, ob dies einen historischen Grund hat, ist nicht leicht zu beantworten. Die Bayerische Landesausstellung 2016 widmet sich dem Thema „Bier in Bayern". Christine Ketzer vom Haus der Bayerischen Geschichte ist für die Öffentlichkeitsarbeit der Ausstellun zuständig und damit prädestiniert als Ansprechpartnerin. Doch auch sie muss zugeben, dass es nicht „die eine" Erklärung gibt, sondern viele verschiedene Theorien existieren.

La­tei­nisch: „pro­des­se“

Feststeht laut einem gewissen Humberto Gregorio, der sich mit dem Thema in seiner Diplomarbeit beschäftigte, dass das Zutrinken oder Zuprosten, wie man es heute nennt, schon seit den Germanen eine wichtige Bedeutung hat. Es sei ein wichtiger, symbolischer Akt für alle möglichen Anlässe gewesen, ein gesellschaftliches Ritual. Das Anstoßen beschloss Freundschaften, besiegelte Verträge oder bezeugte die gegenseitige Zuneigung. Denn das Wort „Prost" kommt vom lateinischen „prodesse", das so viel wie „nützen" oder „zuträglich sein" bedeutet. Es solle dem anderen also „wohl bekommen", weshalb das Zuprosten in allen Kulturen positiv besetzt ist. Daraus ergeben sich auch die Theorien, warum es sich in Bayern etabliert hat, den Krug auch mal abzusetzen: Es könnte bedeutet haben, dass ein Vertrag aufgehoben wird oder aber man wollte damit symbolisch zeigen, dass man sein Gegenüber eben nicht schätzt.

Zei­chen der Ab­nei­gung

So etwa gibt es die Begründung, dass ehrenhafte Bürger sich nicht auf eine Stufe mit dem Gesindel begeben wollten. Unter Umständen war es auch als eine Abgrenzung gegenüber Juden gemeint. Oder aber, so eine weitere Erklärung, der Brauch entstand Anfang des 19. Jahrhunderts, als sich im Heer Napoleons die bayerischen Soldaten nicht mit den Preußen verbrüdern wollten und deshalb untereinander mit dem Absetzen diese Abneigung deutlich machten. In eine andere Richtung geht die Erklärung, es sei ein Überbleibsel aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, als Feldherren gerne im Wirtshaus Söldner anwarben. Wer vom Werber ein Geldstück nahm, hatte den Vertrag angenommen. Deshalb warfen manche Werber heimlich eine Münze ins Glas. Da man es im trüben Bier nicht sehen konnte, stellte man es mit einem Ruck auf den Tisch, um den Klang zu hören.

Reis­kör­ner im Bier

Oder wollte man mit dem Absetzen dem Herrgott danken? Der Tisch könnte symbolisch als „Erde" angesehen worden sein. Damit könnte man es aber auch als Gruß an die verstorbenen Freunde unter der Erde deuten. Angeblich warfen früher Wirte Reiskörner ins (Weiß-)Bier, da sich so der Schaum besser hielt und das Bier nicht so lasch im Glas hing. Um die Körner nicht mitzutrinken, „klopfte" man sie nach unten. Oder aber die Sitte galt von vorneherein nur dem Weißbier, bei dem man durch das Absetzen die Hefe besser verteilen wollte. Doch vielleicht hat es gar keinen historischen Hintergrund, sondern angesichts der in Bayern typischen Ein-Liter-Krüge nur einen praktischen: Ein voller Maßkrug hat ein ordentliches Gewicht und umgreift man die Maß zum Anstoßen mit der Handinnenfläche, so kann es schon mal passieren, dass der Nachbar mit seinem Krug gegen die eigenen Finger kracht.