Ein Ur­quell auf Josef Groll: Wie ein Nie­der­bayer das Pils er­fand

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Josef Groll erfindet im 19. Jahrhundert in Vilshofen das Pilsener Urquell. (Foto: privat)

Von Franz Amberger

Beim Bier sind sich die Bayern und Böhmen gleich, hat schon der Waldschmidt festgestellt. Der in Eschlkam an der böhmischen Grenze geborene und später in München lebende Bestsellerautor des 19. Jahrhunderts (1832–1919) muss es genau wissen. Denn er kannte den Menschenschlag im Waldgebirge so gut, dass er ihm unzählige Romane und Erzählungen widmete. Und die Geselligkeit am Biertisch in der Dorfwirtshäusern spielte dabei immer eine Rolle.
Über den interkulturellen Ansatz hinaus kennen die Gemeinsamkeiten beim Bier zwischen Bayern und Böhmen aber auch einen ganz konkreten Anknüpfungspunkt: Als Maximilian Schmidt, so der bürgerliche Name des großen Sohnes der Marktgemeinde Eschlkam, gerade zehn Jahre alt war, schlug mit maßgeblicher bayerischer Beteiligung die Geburtsstunde des weltberühmten Pilsner Urquell.

Wir schreiben das Jahr 1838. In der westböhmischen Metropole Pilsen gibt es eine Vielzahl von Hausbrauereien, 290 brauberechtigte und zehntausende durstige Bürger. Doch die ortsansässigen Brauer produzieren nur das wenig haltbare obergärige Bier, das den Leuten nicht schmeckt. Die Qualität wird immer schlechter, bis es zu einem regelrechten Bier-Aufstand kommt. In ihrer Wut über den ungenießbaren Gerstensaft stürmen die Pilsner die Brauhäuser, klauen die Fässer, rollen sie auf die Straße und kippen die Plörre mitten auf den Stadtplatz vor dem Bartholomäusdom. Dem Magistrat besänftigt die Bürger, indem er ihnen ein neues Brauhaus baut und verspricht, die Sudpfannen von nun an einem Experten zu überlassen.

Im Bayerischen macht um diese Zeit das untergärige Brauverfahren die Runde. In Vilshofen gibt es einen jungen Brauer, der damit schon Erfahrungen gesammelt hat und dem der Ruf der Experimentierfreudigkeit vorauseilt. Josef Groll ist sein Name. 1842 lässt er sich aus dem väterlichen Betrieb abwerben und folgt dem Ruf zur neuen Braustätte nach Pilsen. Gleich an seinem ersten Arbeitstag – es ist der 5. Oktober – stellt er die Maische für den ersten Sud her, deren Zusammensetzung völlig neu ist: Statt des üblichen dunklen Malzes verwendet Groll nur leicht geröstetes und sehr helles Malz. In Verbindung mit dem weichen und salzarmen böhmischen Wasser und dem Saazer Aromahopfen entsteht eine Würze, die im Gärkeller der Brauerei zu einem gold-gelben Bier mit Schaumkrone und fein-herber Geschmacksnote heranreift.

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Das Pilsener Urquell wurde erstmals im November 1842 ausgeschenkt. (Foto: privat)

Als Pilsener Urquell am 11. November erstmals ausgeschenkt, stellte es nicht nur die Pilsner Wutbürger zufrieden. Über Deutschland, Großbritannien und Nordamerika tritt es als neue Biersorte seinen Siegeszug durch die ganze Welt an.

Die Marke Urquell hat sich bis heute gehalten, seit 1999 gehört die Brauerei allerdings zum südafrikanischen Bier-Multi SAB Miller. Produziert wird nach wie vor in Pilsen. Mit einem Ausstoß von rund zehn Millionen Hektoliter gehört das Prazdroj, so der tschechische Name, zu den größten Bieren weltweit. Für ein industriell gefertigtes Bier schmeckt es erstaunlich gut, vor allem zum Abschluss der Brauereiführung, wenn man es direkt vor Ort im Urzustand verkosten kann: nicht pasteurisiert und unfiltriert, schankfrisch aus dem riesigen Holzfass im historischen Lagerkeller.

Ansonsten gibt es weltweit nur noch eine Adresse, wo man das Pilsner Urquell in dieser Form verkosten kann: in der Bierstube „Na parkanu" beim Brauereimuseum in der Pilsner Innenstadt. Der Schankkellner beherrscht dort sogar vier Varianten, das Glas zu füllen: als Milch, Schnitt oder Halbe mit und ohne Schaumkrone – je nach Durst und Geschmack.

Zurück zu Josef Groll: Über den Erfinder der Pilsner Brauart gibt es noch eine andere Geschichte. Demnach soll er schon 1839 als Lohnbrauer in Pilsen tätig gewesen sein und 1840 seinen ersten Sud kredenzt haben, bevor er wegen unflätigen Benehmens sein Aufenthaltsrecht verwirkt und 1842 schließlich wieder geholt worden ist. Und so streitet man in Pilsen bis heute darüber, wo er das erste Pilsner gebraut hat: in der Weltbrauerei Prazdroj oder in einer kleinen, unscheinbaren Gasthausbrauerei am Rande der Altstadt. Die Besitzer derselben jedenfalls sind von ihrer Sicht der Dinge so überzeugt, dass sie ihr Haus nach ihm benannt haben: Pivovar Josef Groll.

Wo die Wiege des Pils nun auch tatsächlich liegen mag: Den Liebhabern des aromatisch-herben Gerstensaftes mag es letztlich egal sein. Aber bemerkenswert an diesem Kapitel Biergeschichte ist es schon, dass ein Bayer aus Vilshofen mit seinem untergärigen Hefestamm nach Pilsen kommen musste, um es zu erfinden.

Info: Bier­land Böh­men

Anfang des 20. Jahrhunderts existierten in Böhmen noch an die 300 Brauereien. Die meisten von ihnen fielen der Planwirtschaft nach dem 2. Weltkrieg zum Opfer. Weitere 30 mussten im Zuge der Privatisierung nach der Wende 1989 aufgeben. Aktuell gibt es in der Tschechischen Republik knapp 50 mittelständische und große Brauereien. Stark im Kommen sind die Hausbrauereien (Minipivovary): Ihre Zahl liegt aktuell bei 250, Tendenz steigend. Am meisten verbreitet ist das helle Lagerbier (Svetlak). Dunkles Bier wird vielfach mit Farbmalz hergestellt, auch Aroma-Biere sind weit verbreitet. Beim Pro-Kopf-Verbrauch (2014: 144 Liter) sind die Biertrinker der Tschechischen Republik Weltmeister vor Deutschland Deutschland (106,9 Liter).