Schwes­ter Doris Engle­hard ist die Letz­te ihrer Zunft

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Braumeisterin Schwester Doris Engelhard braut in der Brauerei im Kloster Mallersdorf das "Mallersdorfer Klosterbräu". (C) Sead Husic

Von Christoph Renzikowski, KNA

Bier macht schlank", sagt die Braumeisterin. „Man darf nur nichts dazu essen", fügt die kleine, kräftige Frau lachend hinzu. Schwester Doris Engelhard, weißer Kopfschleier, blaue Kittelschürze, ist die Letzte ihrer Zunft. Nirgendwo auf der Welt gibt es sonst noch eine klösterliche Braumeisterin – außer bei den Franziskanerinnen von Mallersdorf-Pfaffenberg (Landkreis Straubing-Bogen).

Sieden, abkühlen, gären und reifen: Sechs Wochen gibt die Brauschwester ihrem Bier bis zur Abfüllung – mehr Zeit als die meisten Großbrauereien. Dafür muss man sich mit dem Trinken beeilen. Nach acht Wochen ist das „Mallersdorfer" schlecht. Weil Schwester Doris es ablehnt, dem Götzen Haltbarkeit ihre Überzeugungen zu opfern. Pasteurisieren, Sterilisieren, Kurzzeiterhitzen sind für sie des Teufels. „Nach drei Minuten bei 80 Grad ist doch alles kaputt: die Hefe, die Mineralstoffe, die ganzen Vitamine." Ein solches „Einheitsbier" käme der Franziskanerin niemals in die Flasche.

Gut 3.000 Hektoliter Gerstensaft produziert die Braumeisterin mit ihrem einzigen Angestellten im Jahr – dazu 800 Hektoliter Limonade. Das Sortiment ist überschaubar: Helles, Zoigl und Bock, zu besonderen Anlässen ein kupferfarbenes Festbier. Was der Ordensfrau selbst nicht schmeckt, stellt sie auch nicht her. Deswegen gibt es kein Weizen und kein Dunkles. Apropos Geschmack: Beim Bier ist Schwester Doris eine Spätberufene. Die erste Halbe flößte sie sich 1974 ein – da hatte die Meisterprüfung an der Brauereischule in Ulm schon begonnen.

Das erste Bier – mit zugehaltener Nase

„Mit zugehaltener Nase haben mich die Kollegen so weit gebracht", erinnert sie sich. Die süßlichen Dampfschwaden aus der Klosterbrauerei hatte sie schon als Mallersdorfer Internatsschülerin kaum ertragen. Doch aus der Selbstüberwindung wurde rasch eine große Liebe. Der Duft von Hopfen und Malz ? „Es gibt nix Besseres", sagt die 67-Jährige heute und lässt sich zur Brotzeit das Selbstgebraute schmecken.

Jede Woche verwandelt Schwester Doris 76 Hektoliter Wasser in Bier. Das ist weniger ein Wunder als solides Handwerk auf der Basis des Reinheitsgebots, dessen Erlass vor 500 Jahren am 23. April in Ingolstadt groß gefeiert wird. Im Umgang mit dieser Lebensmittelvorschrift ist die Ordensfrau bekennende Traditionalistin. Auch Experimente mit Aromahopfen, der das Bier nach Mandarine oder Grapefruit schmecken lässt, überlässt sie anderen.

Dem verschärften Verdrängungswettbewerb in der Braubranche setzt sie ihr Bekenntnis zum „Kulturgut Bier" entgegen. Das hat seinen Preis. Der Kasten mit 20 edlen Bügelverschlussflaschen kostet bei ihr stolze 14 Euro. Vom Halsetikett prostet die Schwester den Zechern mit schaumvollem Krug fröhlich zu.

„Ich lass mir keinen Preis diktieren"

18 Prozent des Mallersdorfer Bieres werden von den Klosterfrauen und ihren Angestellten selbst getrunken. Der Rest geht an Direktabholer oder wird zwischen Regensburg, Landshut und Straubing unter das Volk gebracht. Große Getränkehändler sind tabu: „Ich lass mir keinen Preis diktieren, und ich bestimm', wer mein Bier kriegt." In ihre Geschäftspolitik lässt sich Schwester Doris nicht einmal von ihrer Generaloberin reinreden.

Werbung hat die letzte klösterliche Braumeisterin der Welt nicht nötig, sie ist längst ihre eigene Marke. Vermeintlich in Stein gemeißelte Gesetze der Betriebswirtschaft setzt sie außer Kraft. So reguliert beim Mallersdorfer Klosterbier nicht die Nachfrage das Angebot, sondern umgekehrt. Wer in heißen Sommern zu spät kommt, hat schon mal Pech und muss seinen Durst woanders stillen. Aber deswegen mehr Bier brauen ? Kommt gar nicht infrage.

Sorgen macht sich die Ordensfrau allenfalls um die Zukunft ihres Betriebs. Mit 67 hat sie das gesetzliche Rentenalter erreicht – das aber in ihrer Kongregation nicht gilt. „Im Kloster wird gearbeitet oder gestorben." Ist denn keine Nachfolgerin in Sicht? Schwester Doris seufzt: „Ich hoff immer noch, dass jemand kummt. Schau mer amal." Und dann schiebt sie noch in ihrem fränkischen Dialekt eine paradoxe Bemerkung hinterher: „Alle wollen ein Klosterbier, aber kanner tritt ins Kloster ei."