Stamm­tisch als zwei­te Hei­mat – Der „Lind­ner-Bräu“ er­zählt

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Gelebte Wirtshauskultur: Lindner-Bräu Heinrich Kolbeck in seinem Element. (Peter Kallus)

Von Peter Kallus

Originale gab es früher viel mehr als heute. Davon ist Heinrich Kolbeck überzeugt. Der 65-jährige Wirt und Brauer aus Bad Kötzting ist einer, der es wissen muss. Schließlich sitzt er regelmäßig am Stammtisch des traditionsreichen Brauhauses „Lindner-Bräu", seit er 14 ist. Damals, so bekennt er mit verschmitztem Lächeln, ist er gerade aus der Schule gekommen und hat zum ersten Mal am Stammtisch Bier trinken dürfen. Damals gab es richtige Originale, die am Stammtisch saßen und dort auch schon fast ihre zweite Heimat gefunden hatten: So der unermüdlich Geschichten erzählende „Ghandi aus Lecking", der „CSU-Spangler" oder auch der „Korea-Hai" von Dachsenbühl, der kam, als er am Wochenende ausbezahlt war, und nicht eher wieder heimging, als bis der letzte Pfennig in Bier investiert war. Trinkfeste, aber liebenswerte Gesellen waren es, die damals den Stammtisch bevölkerten.

Gesänge im Wirtshaus. Eine richtige Blasmusik, wie sie heutzutage regelmäßig beim „Lindner-Bräu" aufspielt, hörte man damals nur selten. Heinz Kolbeck schmunzelnd: „Die haben wir damals nicht gebraucht, weil gesungen haben wir selber." Der Wirt erinnert sich: „Es ist kein Tag vergangen, an dem wir nicht gesungen haben." Vor allem waren es alte Waldlerstücke, aber auch Lieder wie „Die schöne Linzerin" oder das Andreas-Hofer-Lied. Der Bräu kennt viele der Texte auswendig, wie zum Beispiel: „Mei Deandl hod a Seidane – ind Hand muaßt as nehma, dann wirst as scho kenna." Das wird auch heute noch gesungen, wenn die Stimmung passt.

„Acht bis zehn Halbe waren die Regel“

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Auf der Schänke steht der Lindner-Bräu als Miniaturausgabe aus Holz – Bier dürfte der allerdings keines vertragen... (Foto: Peter Kallus)

Drei Tage am Stammtisch. Auf der Speisekarte ist vieles aus den 50er, 60er und 70er Jahren gleich geblieben. Damals gab es jedoch mehr Braten als heute, besonders auch fast täglich den beliebten Hackbraten. Schnitzel gab es damals oft mit Soße und Knödeln – Pommes waren ein Fremdwort. Die „saure Wurst" von damals heißt heute nicht anders als Wurstsalat. „Viele Leute sagen, das Essen und das Bier sind jetzt noch besser als damals", sagt der Wirt mit einem schelmischen Blick. Lächelnd fügt er hinzu: „Ich weiß nicht, ob ich das hier erzählen soll, aber die Trinksitten waren damals schon anders als heute." Inwiefern ? Damals nämlich kam man, so der Lindner-Bräu, nicht auf zwei oder drei Halbe zum Stammtisch, nein, „acht bis zehn Halbe waren die Regel". Damals gab es nach zehn Halben die erste „Freihalbe" – diese Grenze wurde aber vor Jahren auf acht Halbe Bier herabgesetzt. „Die werden aber auch nicht mehr allzu oft geschafft", meint der Wirt mit einem Blick, in dem man ein bisschen Wehmut zu entdecken glaubt. Auch die Ausgehmoral hat sich geändert: „Damals ist es schon vorgekommen, dass die Leute erst nach zwei, drei Tagen vom Stammtisch heimgegangen sind. Meist auch nicht freiwillig, denn oft musste erst die Frau kommen", erzählt der Wirt augenzwinkernd.

Kriegs-Erinnerungen. Der Sonntag war damals immer noch ein guter Wirtshaustag – der Lindner-Bräu hatte damals auch am Tag des Herrn geöffnet. Vor allem in den 50er und 60er Jahren wurde sonntags viel über die Kriege erzählt – den Ersten wie auch den Zweiten Weltkrieg. Kein Wunder, waren doch noch viele Kriegsteilnehmer unter den Gästen. Heinz Kolbeck schmunzelnd: „Das war für mich sehr spannend. Bald habe alles über die Schlachten in den Weltkriegen gewusst – ich wusste sogar, wann welche Kugel abgeschossen wurde und wann welche Granate geflogen ist." Die Kugeln und Granaten, die ihm damals am Stammtisch um die Ohren flogen, sind längst vergessen. Nicht vergessen sind die Originale von damals – Korea-Hai, Reimwich Gang, Houda Wigg und Ghandi.

Aber auch heute trifft man zuweilen manche der Originale von damals und heute am Stammtisch an. Doch das größte „Original" steht meist lang hinter der Schenke und gesellt sich erst am späteren Abend zu den Gästen am Stammtisch: der Lindner-Bräu selbst. Für viele ist er das eigentliche Original – und allemal ein Grund zum Kommen. Woanders stirbt die gute, alte Wirtshaus-Kultur – hier erwacht sie jeden Tag erneut zum Leben.